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13.01.09 Offener Brief zur Entlassung Werner Goldmanns

Absender (alph. Reihenfolge):
Markus Bandekow, Ralf Bartels, Candy Bauer, Max Bedewitz, Oliver-Sven Buder,
Franka Dietzsch, Andy Dittmar, Julia Fischer, Christoph Harting, Robert Harting, Betty Heidler, Sophie Kleeberg, Nadine Kleinert, Jessica Kolozei, Petra Lammert,
Christina Obergföll, Gunnar Pfingsten, Marc Roos, Peter Sack, Marco Schmidt,
David Storl

an: BMI
      DOSB
      DLV
      Presse

cc: Werner Goldmann

Sehr geehrte Damen und Herren,
kurz vor Weihnachten traf die Nachricht ein, dass Werner Goldmann keine
Vertragsverlängerung zum 01.01.2009 erhalten und demzufolge nicht mehr als
Bundestrainer Kugelstoßen (Männer) angestellt sein wird.
Die Gründe, Vorwürfe, Unrechtmäßigkeiten, Beschuldigungen, verjährten
Anschuldigungen etc. – allen Adressaten dürfte der Werdegang des
„Rausschmisses“ bekannt oder leicht recherchierbar sein – sollen in den folgenden
Zeilen nicht detailliert beleuchtet werden.

Vielmehr werden Kommentare, Meinungen und Anmerkungen folgen, die hoffentlich
zum Nachdenken anregen und dem Menschen Werner Goldmann vermitteln, dass
da Sportler sind, die eine solche „Bauernopferjagd“ nachdenklich stimmt, stark
betroffen macht und Ängste schürt.

Wer aus der „alten Riege“ wird der Nächste sein?
Wird jedem ehemaligen Sportler ohne weiteres Glauben geschenkt, auch wenn es
dafür keine Beweise gibt?

Sport ist Werner Goldmanns Leben – dafür braucht es kein Studium seiner Biografie.
Es handelte sicht hier nicht um ein einfaches Angestelltenverhältnis, wie dies formell
sein (ehemaliger) Arbeitsvertrag mit dem DLV beschrieb. Es gab keine 40-Stunden-
Woche, Gleitzeit, festen Arbeitsort, 8-Stunden-Tag und ein Telefon abschalten nach
16.30 Uhr. Trainer-Sein in seiner Position bedeutete: 24-Stunden-Tag, 7-Tage-Woche  und dies über 40 Wochen im Jahr. Darüber hinaus Ansprechpartner sein für Athleten, Heimtrainer, Angehörige, Pressevertreter und auch seinen Arbeitgeber.

Die Kündigung des Jobs gleicht einer Amputation, einem Entzug von
Lebenselixieren. Als würde man einem Musiker lebenslang „Instrumentenverbot“
geben, einem Künstler die Farbtöpfe versiegeln oder dem Sänger die Stimmbänder
lähmen.

Hat im Rahmen dieses Verfahrens jemand einmal die Seite Mensch des Werner
Goldmanns betrachtet? Ist die Stellung des DDR-Systems und die
Rahmenbedingungen, die dieses System vorgab, beachtet worden? Hatten „DDR-
Spitzentrainer“ die Chance NEIN zu sagen? Wären sie nicht ausgetauscht worden in
dem Glauben eines unerschöpflichen Reservoirs an Fachkräften, ausgebildet „Made
in GDR“?

Die Gründe der Anschuldigungen sind 25 Jahre her. Mörder sind nach solchen Zeiten
amnestiert, entlassen oder „rehabilitiert“, aber im Fall Goldmann gibt es keine Frist.
Wie kann der DOSB einem sportverrückten Trainer eine Ehrenerklärung vorlegen,
von der man weiß, dass Sie nicht erfüllt werden kann? Einem Trainer, der sogar  auf
eigene Kosten zum Wettkampfhöhepunkt reist, um seinem Schützling beizustehen -
wie zu den Weltmeisterschaften 2007 in Osaka, als er vom Verband nicht
berücksichtigt wurde.

Es wurde keiner der Athleten befragt, die nach der Wende mit ihm
zusammengearbeitet haben. Wir hatten die Möglichkeit uns ein umfassendes Bild
von Goldi zu machen und können nur sagen, dass wir diese Entscheidung absolut
nicht nachvollziehen können.

Die Art und Weise der Entlassung lässt auch nicht auf den nötigen Respekt und
Anerkennung der geleisteten Arbeit seit der Wende schließen. Durch drei Sätze im
Kündigungsschreiben, in denen kein Wort des Dankes fällt, kann man einen solchen
Menschen und Trainer einfach nicht entlassen.

Stellen Sie sich bitte folgende Fragen: Wie viele Trainer aus der ehemaligen DDR
gibt es in Deutschland und an welchen Erfolgen waren Sie seit der Wende mit
beteiligt? Müssen diese Trainer jetzt jedes Jahr vor den Jahreshöhepunkten fürchten,
wegen Ihrer Vergangenheit angegriffen und im schlimmsten Fall entlassen zu
werden. Einer Vergangenheit, die bei den meisten Trainern aufgearbeitet und auch
öffentlich bekannt ist. Diese Trainer hatten ihre Verfahren, wurden verurteilt und sind rechtlich rehabilitiert.

Man muss auch die Arbeitsweise der Presse in Frage stellen. Pünktlich vor jedem
sportlichen Höhepunkt wird eine solche „Neuigkeit“ aus dem Hut gezogen. Meist von
denselben, die später darüber schreiben, wie schlecht Deutschland wieder
abgeschnitten hat. Warum wird immer wieder Unruhe und Stress in die Vorbereitung
der Sportler gebracht, die ohnehin schon unter einem hohen Druck stehen? Ist das
nur die reine Sensationslust der Presse oder die Einfallslosigkeit der Journalisten, die
sicher über weitaus bessere Themen und persönliche Geschichten im
Zusammenhang mit einem sportlichen Höhepunkt berichten können.

Auch die Abhängigkeit des DOSB und des DLV gegenüber der Presse ist kritisch zu
betrachten. Hätte es die Entlassung auch gegeben, wenn die Presse über diese
Sache nicht berichtet hätte, oder war Goldi wirklich nur ein Bauernopfer?
Wir bitten alle Adressaten noch einmal in ruhigen Minuten zu analysieren und zu
überdenken, was mit dem Menschen Werner Goldmann passiert. Man nimmt hier
nicht nur einem sehr guten Trainer einen Job weg, sondern zerstört ein Leben,
welches einer Passion gewidmet ist und erschwert einigen Athleten und Athletinnen den Weg zu ihrer Passion, indem der Trainer, Bundestrainer und Weggefährte
genommen wird.

Herr Goldmann rief viele der aktiven Kaderathleten an, um ihnen persönlich
mitzuteilen, dass er ab dem 01.01.2009 arbeitslos sein wir, er aber trotz allem, ihnen immer mit Rat und Tat zur Seite stehen wird.

Zusatz der Athleten:
Wir möchten darauf hinweisen, dass wir uns von jeglichen Dopingpraktiken
distanzieren und sie auch verurteilen!





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